Zwei exotische Welten treffen aufeinander: Wie seine drei Vorgängerwerke über Trilobiten, Cephalopoden und prähistorische Fische richtet sich auch das vorliegende Buch sowohl an philatelistisch Interessierte als auch an Fossiliensammlerinnen und -sammler. Es gibt eine ausführliche Darstellung der Marken, Stempel und Ganzsachen mit dem Motiv Flugsaurier. Daneben liefert das Buch eine kurze Beschreibung des Aussehens, der Lebensweise, der Größe und Verbreitung der auf dem philatelistischen Material abgebildeten Flugsaurier, einschließlich Bildern des Fossilienmaterials zur Erläuterung.
Briefmarken mit abgebildeten Fossilien sind ein Sammelgebiet, das, ausgelöst vom Saurierboom Mitte der 80er Jahre, seitdem immer mehr Freunde findet. Literatur, die dem interessierten Sammler neben markenspezifischen Informationen auch fachliche Hintergründe zum abgebildeten Motiv vermittelt, ist dagegen kaum vorhanden. Kurze thematische Artikel findet man im Wesentlichen im nicht-deutschsprachigen Raum. Hauptsächlich stammen solche Publikationen aus den USA, Kanada, und innerhalb Europas aus Großbritannien und den Niederlanden. Am häufigsten werden dabei Dinosaurier auf den Briefmarken dargestellt. In der Summe machen diese Motive erheblich mehr als die Hälfte aller Fossilien zeigenden Marken aus.
In Deutschland sind populärwissenschaftliche Abhandlungen im Zusammenhang mit der Paläontologie in der Philatelie im Kommen. LORENZ (1989) schrieb eine detailliertere Publikation über Mineralien und Fossilien auf Briefmarken aus der Schweiz („Pro Patria“-Serie) und jüngst ausführlich über die fossile Pflanzenwelt auf postalischen Dokumenten (LORENZ 2003, 2004). Wissenschaftliche Zusammenhänge und Besonderheiten zu den entsprechend erhältlichen Postwertzeichen wurden von HAMPE (1998) zu fossilen Amphibien erläutert, sowie von SCHULTZE & HAMPE (2001) zu fossilen Knochenfischen. SPINDLER (2007) schrieb eine Abhandlung über die Gruppe der Flugsaurier. HAMPE (2009a, b) stellte fossile Wale und ihre morphologisch und molekulargenetisch nächsten Verwandten auf philatelistischen Erzeugnissen dar und nahm Bezug auf fund- und wissenschaftshistorische Erkenntnisse im Zusammenhang mit Fossilien aus dem Inventar der wirbeltierpaläontologischen Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin. Mit einem Werk über Trilobiten starteten ERNST & RUDOLPH (2002) eine Serie von thematischen Büchern mit ausführlichen Hintergrundinformationen, die neben Briefmarken auch Stempel und Ganzsachen einschließen. Zwei weitere philatelistische Abhandlungen über Ammoniten und Nautiliden (ERNST & KLUG 2011), sowie über prähistorische Fische (ERNST & HAMPE 2018) folgten.
In unserem Buch treffen nun, wie bereits in den ersten drei Bänden über Trilobiten, Cephalopoden und prähistorische Fische, zwei exotische Welten aufeinander: Fossiliensammlerinnen und -sammler sowie Briefmarkensammlerinnen und -sammler stellen beide eher rare Spezies dar. Natürlich hoffen wir, beide Gruppen mit unserem Buch begeistern zu können. Es soll eine ausführliche Darstellung aller bisher bekannten Marken, Stempel und Ganzsachen mit den Motiv Flugsaurier geben. Daneben liefert das Buch eine kurze Beschreibung des Aussehens und ggf. der Lebensweise, der Größe und Verbreitung der auf dem philatelistischen Material abgebildeten Flugsaurier, einschließlich Bildern des Fossilienmaterials zur Erläuterung. Es richtet sich somit sowohl an philatelistisch Interessierte, als auch an „Hobby“-Paläontologinnen und -Paläontologen.
Berücksichtigt wurde dabei das gesamte philatelistische Material, das uns bis Dezember 2019 bekannt war. Dennoch ist es durchaus möglich, dass trotz intensiver Recherche nicht alle Marken, Stempel oder Ganzsachen von uns erfasst wurden, oder nach Vollendung des Manuskriptes weitere erschienen sind. Insbesondere aus dem asiatischen Bereich tauchen immer wieder auch ältere, bisher unbekannte Belege auf. Wir bitten ggf. um Nachricht, um die vorliegende Publikation später entsprechend ergänzen oder korrigieren zu können.
Um ein Ausufern der Anzahl der Abbildungen zu vermeiden, wurde diese pro Flugsaurier auf maximal zwanzig begrenzt. Falls unter „Tag der Erstausgabe“ nur das Erscheinungsjahr angegeben wurde, sind die Marken noch nicht im Michel-Katalog oder der Rundschau aufgenommen.
Für die Klassifizierung der verschiedene Arten haben wir uns auf frühere Veröffentlichungen gestützt, mit dem Wissen, dass unser Verständnis der Beziehungen zwischen Flugsauriern noch in den Kinderschuhen steckt und sich noch viel ändern könnte, bevor eine nomenklatorische Stabilität erreicht werden kann, insbesondere in Bezug auf supragenerische Kladen (z. B. Familien).
Unser aufrichtiger Dank gilt dem inzwischen verstorbenen Karl Heinz Schumacher, der uns seine Sammlung von Flugsauriern zum Einscannen zur Verfügung gestellt hatte, ebenso Frau Zabold für die Durchsicht der Texte.
Hans Ulrich Ernst, Pressel,
Alexander W. A. Kellner, Rio de Janeiro,
im Dezember 2022
Im Laufe der biologischen Evolution ist es drei Gruppen von Wirbeltieren gelungen, durch aktive Flugleistungen in die ökologische Nische Luftraum vorzudringen. Es waren dies die Flugsaurier, die Vögel und die Fledermäuse. Alle drei Gruppen haben die Flugfähigkeit unabhängig voneinander, auf ganz unterschiedliche Weise und in dieser Reihenfolge zu verschiedenen Zeiten erreicht. Dabei waren es die Flugsaurier, wissenschaftlich Pterosaurier, die schon während der Triaszeit, vor über 200 Millionen Jahren, den aktiven Flug erworben hatten. Das bedeutet, dass sie kontrolliert, im freien Luftraum beliebig steuerbar und orientiert fliegende Reptilien waren. Das setzte bereits hoch entwickelte Nerven-und Gehirnstrukturen, ein entsprechendes Atmungs-und Kreislaufsystem sowie hohe Stoffwechselleistungen voraus. Gegenüber den heute lebenden Reptilien, wie den Schildkröten, Krokodilen oder Eidechsen nehmen die Flugsaurier in dieser Hinsicht eine Sonderstellung ein. Auch mit den Dinosauriern waren sie nicht näher verwandt. Es ist also irreführend sie, wie auf einigen der Briefmarkenausgaben als „fliegende Dinosaurier“ zu bezeichnen.
Ohne die Fossilfunde und ohne die Forschungen der Paläontologie, der Wissenschaft vom Leben der erdgeschichtlichen Vergangenheit, hätten wir keine Kenntnis von diesen interessanten, ja faszinierenden Tieren der Vorzeit. Sie waren fast während des ganzen Erdmittelalters 150 Millionen Jahre lang außerordentlich erfolgreich, vielfältig und weltweit
verbreitet. Jedoch gehören Fossilfunde von Flugsauriern meist zu den Seltenheiten. Für diese terrestrischen Flugtiere war die Chance fossil erhalten zu werden relativ gering. Die meisten Funde stammen deshalb aus geologischen Schichten ehemaliger See- oder küstennaher Meeresablagerungen. Besonders günstige Erhaltungsbedingungen herrschten in den Lagunensedimenten in Süddeutschland, den Solnhofener Plattenkalken der oberen Jurazeit oder in Nordostchina in lacustrinen Schichten der unteren Kreidezeit. Außer den Skelettknochen sind manchmal auch Spuren der Flughaut und der Körperbedeckung überliefert, während Körperweichteile meist dem Fossilisationsprozess zum Opfer gefallen sind. Flugsaurier hatten eine einzigartige Flügelkonstruktion und unterscheiden sich darin sowohl von Vögeln, als auch von Fledermäusen. Im Handskelett ist nur der vierte Finger extrem verlängert und verstärkt. Hier setzte eine Flughaut an, die sich seitlich zum Körper und zu den Hinterbeinen hin erstreckte. Auch andere Skelettmerkmale lassen darauf schließen, dass sie gute und aktive Flieger gewesen sein müssen.
Die ältesten Funde von Flugsauriern stammen aus Schichten der oberen Triaszeit, die jüngsten aus Sedimentgesteinen der obersten Kreidezeit. Sie waren damit Zeitgenossen der Dinosaurier und sind mit ihnen vor etwa 65 Millionen Jahren ausgestorben. In ihrer Popularität standen sie aber lange Zeit im „Schatten der Dinosaurier“, die mit zum Teil gigantischen Körpergrößen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die allgemeine Öffentlichkeit begeisterten. Dass auch Flugsaurier interessante, ja faszinierende Tiere der Vorzeit waren, wurde allgemein erst durch neue Fossilfunde und Forschungen ab den 1970er Jahren in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Besonderen Eindruck machten dabei Arten mit bizzaren Knochenkämmen auf dem Kopf oder die Giganten unter ihnen mit einer Flügelspannweite von mehr als 11 m und damit die größten Flugtiere aller Zeiten. Das gestiegene Interesse an Flugsauriern machte es für Postverwaltungen vieler Länder reizvoll, sie auch auf Briefmarken darzustellen, sehr zur Freude der mittlerweile zahlreichen Motivsammler.
Mit den ergänzenden philatelistischen Angaben zu den Briefmarken als auch mit den paläontologischen Kurzbeschreibungen der Originalfossilien ist dieser Band für Philatelisten eine Art Katalog mit erweiterten Hintergrundinformationen, aber auch für Hobbypaläontologen ein interessantes Nachschlagewerk.
Dr. Peter Wellnhofer, Februar 2023
Hauptkonservator i.R.
Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, München