Titelbild Perlboote und Ammonshörner weltweit – Nautilids and Ammonites worldwide
Preis: 44,80
Erscheinungsjahr: 2011
Dokument: Perlboote

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Das Buch richtet sich sowohl an philatelistisch Interessierte als auch an Sammler von Ammoniten und Nautiliden. Es gibt eine ausführliche Darstellung aller Marken, Stempel und Ganzsachen, die bisher bekannt sind. Zur Erläuterung des philatelistischen Materials sind eine kurze Beschreibung des Aussehens, die Größe und Verbreitung sowie eine Fotografie des Fossils beigefügt. Hier war es unser Bestreben, wenn möglich dieselbe Art, sofern diese nicht erreichbar war, eine nah verwandte Spezies derselben Gattung fotografisch zu dokumentieren.

 

Die Weichtiergruppe der Kopffüßer hat unter den wirbellosen Tieren zweifelsfrei die intelligentesten Lebewesen hervorgebracht, die heute alle Bereiche unserer Weltmeere bevölkern. So faszinieren nicht nur die kognitiven Leistungen der dressierfähigen Kraken, sondern auch die perfekte Mimikry vieler Tintenfischvertreter. Als »Chamäleons der Meere« können sie sich in Sekundenschnelle durch ihr wechselndes Pigmentspiel über dem Untergrund unsichtbar machen oder sich durch das Nachahmen gefährlicher Zeitgenossen vor Angreifern schützen. Kopffüßer halten aber auch eine Reihe von Rekorden im Tierreich, die eine Erwähnung im »Guinness-Buch der Rekorde« verdienten. So sind zum Beispiel die legendären Riesenkalmare die größten Weichtiere der Welt, ihre den Wirbeltieren analogen Linsenaugen sind mit bis 20 cm Durchmesser zugleich die größten im Tierreich. Wie der 2007 erschienene Roman von BERNHARD KEGEL »Der Rote« belegt, beflügeln die monsterhaften Riesenkraken der Tiefsee die Fantasie der Menschheit bis in die Moderne. Auch die kaum über 20 cm groß werdenden Perlboote (Nautilus), die zwischen den tropischen Inselparadiesen des Pazifiks leben, sind Rekordhalter: sie legen mit einem Durchmesser von mehr als 2 cm im Verhältnis zu ihrem Körpervolumen mit Abstand die größten Eier unter den Wirbellosen. Andererseits sind die modernen Kalmare, die sich in rascher Folge massenhaft reproduzieren in der Produktion von hochwertiger Biomasse zumindest rekordverdächtig. Angesichts der starken Überfischung unserer Weltmeere können die Kopffüßer künftig möglicherweise als eine bisher nur relativ gering genutzte Nahrungsquelle das Überleben großer Anteile der Menschheit sichern. Schon aus diesem Grund erlangt die Forschung über die Entwicklungsgeschichte und die ökologischen Bedürfnisse der Kopffüßer zunehmende Brisanz.

Mit dem gekammerten Gehäuse, das beim Nautilus außen, bei den Sepia-ähnlichen Vertretern im Inneren des Körpers getragen wird, haben die Kopffüßer die Technik eines U-Boot lange vor dem Menschen entwickelt, in dem ein ausgeklügeltes System von Wasserzufuhr und -abfuhr in den gasgefüllten Kammern ein energiesparendes Gleichgewicht der Tiere in der Wassersäule ermöglicht, das auf die jeweilige Tauchtiefe eingestellt werden kann.

Gerade die Nautiliden, deren Ahnen etwa 500 Millionen Jahre in die Erdgeschichte zurückreichen, schlagen als »Lebende Fossilien« die Brücke zu den Ammoniten, den wohl bekanntesten Fossilien des Erdaltertums und des Erdmittelalters. Die Faszination, die von der Ästhetik ihrer oft reich verzierten Spiral-Gehäuse ausgeht, insbesondere wenn sie in ihrer bunt schillernden Perlmuttstruktur erhalten sind, hat die Fantasie der Menschheit in den unterschiedlichsten Kulturkreisen rund um den Erdball sowohl der alten Welt, wie auch bei den Indios Nordamerikas beflügelt und ihnen kultische, magische, Fruchtbarkeit fördernde und meditative Eigenschaften unterstellt. Die ältesten Zeugnisse dafür, dass Ammoniten die Aufmerksamkeit des Menschen in den Bann gezogen haben, gehen auf archäologische Funde aus der jüngeren Altsteinzeit in der Vogelherd-Höhle bei Ulm zurück, die Spuren menschlicher Bearbeitung an Ammoniten-Fossilien erkennen lassen. Es scheint mir daher fast zwangsläufig, dass solche Objekte auch Eingang in die Philatelie finden mussten.

Ammoniten, die - wie Funde aus der Kreidezeit des Münsterlandes belegen - bis weit über 2 Meter messende Gehäuse gebaut haben, faszinieren durch ihre unerschöpfliche Formenvielfalt. Neben der fast unüberschaubaren Fülle unterschiedlich gestalteter Arten wird das morphologische Spektrum im Erdmittelalter durch das Auftreten eines zum Teil sehr ausgeprägten Sexualdimorphismus zusätzlich erhöht. Gehäuse männlicher Tiere können sich dabei nicht nur durch extreme Größenunterschiede von ihren weiblichen Pendants unterscheiden, sondern auch durch differenzierte Mündungsgestalten und Skulpturentwicklungen. Die stammesgeschichtliche Entwicklung der Ammonoiden ist in den übereinander gestapelten Abfolgen von Sedimentgesteinen oft Schritt für Schritt überliefert. Diese so dokumentierten Entwicklungsreihen durch die Zeit haben die Ammoniten aber auch für die Wissenschaftler seit dem 18. Jahrhundert zu einem besonders reizvollen Studienobjekt gemacht. Während ihrer ca. 350 Millionen Jahre dauernden Vorherrschaft in den Weltmeeren haben die Ammonoideen mehrfach Krisenzeiten mit globalem Massensterben erfahren und konnten sich - mit Ausnahme der letzten Katastrophe an der Wende zur Erdneuzeit vor 65 Millionen Jahren - jeweils nur mit einzelnen Gruppen in die Zeiten nach der Krise hinüber retten. Ihre pulsierende Entwicklung, die jeweils nach den großen Aussterbe-Ereignissen in rasanten Radiationsphasen eine Fülle neuer Arten entstehen ließ, war und ist modellhafter Impulsgeber für das Erkennen von Mustern und Mechanismen der Biodiversitäts-Entwicklung. Die iterativen Entwicklungsschübe der Ammonoideen waren auch mit einem zunehmenden Abwenden der für die Kopffüßer typischen räuberischen Lebensweise zu Gunsten einer mikrophagen, Plankton fressenden Lebensweise geprägt.

Das für die modernen Nautiliden und die Ammoniten typische spiralförmige Gehäuse, dessen geometrisch vollendete Form vielen esoterischen Weltanschauungen als Meditationsvorlage das Symbol des universellen Prinzips verkörpert, haben beide Gruppen unabhängig und mehrmals voneinander aus jeweils gestreckten Gehäusen ihrer Vorgänger entwickelt. Der funktionale Hintergrund dafür ist, dass durch die Spiraleinrollung der Weichkörper der Tiere in eine horizontale, schwimmfähige Körperhaltung gebracht wird, während gestreckte Gehäuse durch den Auftrieb des an ihrem Körperende befindlichen, gekammerten Abschnitts den Weichkörper vertikal nach unten positionieren würden.

Das sich auf ideale Weise gegenseitig ergänzende Autorengespann legt eine sehr ansprechende Zusammenstellung der Cephalopoden-Motive auf Briefmarken und Stempeln vor, die den Leser detailliert über die philatelistischen Hintergründe und die anatomisch-wissenschaftlichen Gegebenheiten der abgebildeten Objekte aufklärt. Ich bin mir sicher, dass das Werk dazu beitragen wird, die Begeisterung für eine der faszinierendsten Lebewesen, die sich bei Wissenschaftlern und Fossiliensammlern normalerweise rasch durch die direkte Beschäftigung mit den Objekten einstellt, auch auf eine weitere Bevölkerungsschicht über die indirekte Beschäftigung mit Briefmarkenmotiven überspringen zu lassen!

 

Geändertes Datum: 19. August 2026